Anders ist ganz ok

Heute ist Sonntag.

Und da allesamt spontan ausgeflogen waren war klar, dass ich die neu hinzugekommene Freiheit für mich alleine nutzen konnte.

Und wie es nunmal so ist, war mein erster Gedanke: „Ich kann ja etwas Kreatives schaffen.“

Es sollte etwas Besonderes sein. Etwas, was ich noch nie in meinem Leben getan habe. Und so spontan, wie alle unterwegs waren, war meine Idee auch plötzlich ganz groß. Ich packte meinen Kunstkoffer, meine Farben, die Pinsel, die Reisestaffelei und einen Pfefferminztee ein; und mich selbst in Lammfell und Alpaka, um ein hochsensibles symptomatisches Erfrieren zu minimieren.

Was hatte ich vor? Ein Experiment! Und dieses Experiment sollte mir Antworten darauf liefern, wie wir wahrnehmungsstarke Menschen wirklich von aussen wahrgenommen werden, wenn jemand/wenn wir „anders“ sind als sie selbst.

Ich wollte erleben was dran ist, an den allgegenwärtigen Kummer meiner Klienten:

„Ich fühle mich mein Leben lang wie ein Alien auf dieser Erde hier.“

„Die andern verstehen mich und akzeptieren mich nicht wie ich bin.“

„Ich nehme zu viel wahr und das macht mich fertig. Deshalb bleib ich zu Haus.“

„Ich weiß gar nicht wie ich wirklich bin, die ganze Zeit versuche ich mich anzupassen.“

Doch stimmt das wirklich? Müssen wir „feinen“ Menschen uns an die anderen anpassen? Uns so schlimm ausgegrenzt und anders fühlen?

Der Versuch startete. Ich wollte aussergewöhnlich wirken. Mein Plan war, dass ich meine Staffelei inmitten von Menschen aufstelle. Auf dem gut besuchten Schloßberggelände.

All meine Sachen konnte ich wirklich nicht auf einmal tragen.

Und so war ich bereit, zweimal den anstrengenden Fußmarsch auf mich zu nehmen. Zuerst die Reisestaffelei, das Bild und den Tee… Oben abgestellt und unten wieder angekommen, schnappte ich meinen Kunstkoffer und lief das zweite Mal in meinen Kunstkleidern hinauf. Zu meinem Erstaunen waren all die wandernden Menschen die ich traf, sehr aufgeschlossen und fragten:“ Sind SIE die Künstlerin?“ „Lassen Sie die Staffelei oben stehen?“ „Malen Sie die Farben des Herbstes?“ Mit so viel Aufmerksamkeit beim zweiten nach oben Laufen, hatte ich wirklich nicht gerechnet…

Und da merkte ich, wie ich etwas irritiert oder leicht erschrocken oder…verlegen… ganz genau weiß ich es nicht wie sich das Gefühl beschreiben lässt… Es ist ein Gefühl, das man fühlt, wenn man zum ersten Mal eine unerwartete Erfahrung macht und man noch nicht weiß, wie man damit umgehen soll… Resilient wie ich als Trainerin sein sollte, habe ich all die aufkommenden irritierenden Gefühle umgewandelt und mich selbst beobachtet. „Daran kannst Du wachsen, Mel“, dachte ich mir beim weiteren anstrengenden Hinaufschleppen meiner Sachen.

Oben angekommen fing ich an die Farben zu mischen, etwas Wasser beizumengen und loszulegen. Hmmmm… „Wie schaut denn ein abstrakter Herbst aus?“, dachte ich mir.

Wieder und wieder kamen interesserte, wandernde Menschen an, fragten und erzählten. Sie waren für mich Fremde und durch das Bild das zwischen uns stand, wurden sie offen, neugierig und gesprächig. So blieben sie zwar fremd und doch hatte ich eine noch nie erfahrene „Bindung“ mit den Menschen. Durch mein Bild.

Nach der ersten Schicht des Bildes kapitulierte ich und das einzig wegen meiner „tiefgekühlten“ Finger. Der Rest war schließlich gut mich Fellen umhüllt. Die Staffelei ließ ich noch den Tag über stehen und wer weiß, dachte ich… „Vielleicht setzt sich jemand zum abstrakten Herbst und überlegt sich, wie die Geschichte des Bildes wohl weitergeht?“

Ich jedenfalls bin reicher an der Erfahrung, dass es ok ist anders zu sein. Und zwar nicht nur ok, sondern gesellschaftlich erwünscht.

Die Welt da draussen braucht einen anderen Blick auf die Dinge und Begebenheiten. Denn nur so wachsen wir.

„Mut bedeutet, sich selber zu sein. Und dann merkt man, dass das genau das Richtige ist.“

Deine Melanie

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